Freitag, 16. September 2016

Begegnung mit Alltagsrassismus

Gestern Abend, kurz vor halb sechs, fällt mir auf, dass fürs Abendessen noch Tomaten fehlen. Also "werfe" ich den Nachwuchs in den Kinderwagen und eile los zum Supermarkt unseres Vertrauens. Unterwegs treffe ich sie dann, die hässliche Fratze der Fremdenfeindlichkeit!


Vorne an der Ecke werde ich von einem älteren Herrn aufgehalten. Er fragt, ob das mein Kind sei. Ich überlege, ob ich Lust auf den alten Witz habe und mit "Nee, den habe ich da hinten gefunden und einfach mal mitgenommen!" antworten soll, entscheide mich aber dagegen, denn ich kenne den Mann: Das ist der Nachbar, der gerne die Mülltrennung vom gesamten Haus kontrolliert. Und der das natürlich mitteilt. Auch gerne. Selbstverständlich! Er nimmt also alles ganz genau...

Der Mann fragt, ob ich noch ein Kind habe, ich verneine, er antwortet mit "Seien Sie froh!". Ich gucke verdutzt und frage "warum?", er antwortet, dass er "zum Glück" nur eine Tochter hat, die bereits 56 Jahre alt ist. Aber "mit der hat man genug Scherereien"!
Ausserdem sei in zwanzig Jahren die Menschheit sowieso längst ausgestorben. Achso! Mensch, da zahlt sich mein Biologiestudium ja direkt mal aus und ich erwidere, dass das nicht passieren wird, wenn jede Familie im Schnitt 2,1 Kinder bekommt. Statistik. Klasse! Hui, da guckt er...

Während ich ein wenig stolz auf mein wiederentdecktes Wissen bin (und mich leise frage, ob da vielleicht sogar noch mehr verborgen liegt), holt er tief Luft. Er muss es mir jetzt wohl genau mitteilen: "Ja, ja. Das kann sein! Aber nur, weil die ganzen Ausländer hier Kinder machen! Dafür kriegen die Geld! Ich war damals schon dabei, als die Severinsbrücke gebaut wurde. Ich hab das alles schonmal mitgemacht! Und jetzt kommen sie, nehmen uns alle Arbeitsplätze weg und bekommen Kinder!"

Da muss ich erstmal schlucken, gebe aber betont fröhlich zurück: "Ich versuche positiv in die Zukunft zu gucken. Irgendwie wird das schon... Außerdem hat mir noch niemand meinen Arbeitsplatz weggenommen und wenn, dann war er vermutlich einfach besser als ich. Aber ich muss ja gerade eh nicht arbeiten, denn ich kümmere mich ja um mein Kind. Damit daraus mal was wird!" 

Jetzt guckt er abwertend und meint: "Sie werden noch an mich denken, glauben sie mir!" Ich antworte: "Wir sind doch alle Menschen und wenn es jemandem schlecht geht, dann muss man da doch helfen, wenn man kann!,  aber er hört mir schon gar nicht mehr zu. So jemand hört wohl einfach nie zu....
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